BDK November 2017: Ein Nachbericht

Von einem, der auszog, die grüne Seele der Partei zu finden

Ein Bericht von einem Neuling auf der Bundesdelegiertenkonferenz

Kaum tritt man in die Partei ein, und schon wird man zum Ersatzdelegierten für die BDK in Berlin gewählt. Mit vielen Vorurteilen und wenigen Erwartungen beladen fuhr ich also nach Berlin, und ich erlebte die eine oder andere Überraschung.

Um es vorweg zu nehmen: Ich habe kaum strickende Männer gesehen. Und auch von der berüchtigten grünen Parteibasis, die ihre Amts- und Mandatsträger*innen gerne mal auflaufen lässt, habe ich (fast) nichts mitbekommen. Wenn ich die Atmosphäre zusammenfassen soll, dann fällt mir spontan ein Wort ein: Kuschelparteitag.

Vielleicht ist das auch kein Wunder, denn wider Erwarten waren es nicht die Grünen, die die Sondierungsgespräche haben platzen lassen. Und somit stand das gemeinsame Feindbild sowie der Tenor der meisten Reden fest, die uns in einem nicht enden wollenden Fluss präsentiert wurden: Ja, wir wären bittere Kompromisse eingegangen. Und ja, wir sind über die Schmerzgrenze hinaus gen Jamaika gesegelt. Man hätte es schaffen können, der Kompromiss ist ja schließlich das Lebenselixier der Demokratie. Und wären die bösen Neoliberalen nicht gewesen, die auf der Zielgeraden abgebrochen haben, dann, ja dann…

Dass dieser Parteitag vermutlich komplett anders verlaufen wäre, hätten wir über den ein oder anderen faulig riechenden Kompromiss sprechen müssen, blieb weitgehend ungesagt. Nur wenige Worte der Kritik wurden laut ausgesprochen, stattdessen (verdient und zu Recht) Dank, Lob und Anerkennung verteilt für geleistete Dienste – Dienste im Wahlkampf, bei der Sondierung, vor und hinter den Kulissen, auf dem Balkon der Parlamentarischen Gesellschaft ebenso wie beim Plakate kleben. Dienste  zuerst an Deutschland, dann an der Partei (Man glaubt es kaum, aber das wurde auf einem grünen Parteitag tatsächlich gesagt!).

Aber wir wollen fair bleiben: Der ein oder andere Redebeitrag befasste sich dann doch mit den überschrittenen roten Linien, dem atmenden Rahmen, der vielleicht zu weit gegangenen Kompromissbereitschaft. Aber diese Beiträge sind, vielleicht bis auf einen, alle nicht wirklich in meiner Erinnerung haften geblieben. Daher ziehe ich meinen Hut vor Ricarda Lang!

www.youtube.com/watch?v=3rDFyME6m6I

Und zum Ende hin, als alle Aufmerksamkeit schon fast aufgebraucht und alles, was zur Wahl und zur Sondierung gesagt werden musste, abgearbeitet war wurde es dann doch noch einmal spannend. Denn der Unmut über zwei aktuelle Gerichtsurteile wurden mit massiver Unterstützung auf die Bühne gebracht: Das Urteil gegen die Ärztin Kristina Hänel, die zu einer Geldstrafe wegen verbotener Werbung  für Abreibungen verurteilt worden war. Die einhellige Meinung der auf der Bühne versammelten Parteimitgliederinnen: „Mein Bauch gehört mir“ und „Weg mit § 219a“. Recht so! Das zweite Thema, das die Massen auf die Bühne bewegte: Das Abholzen  des Hambacher Forsts. Der soll weichen, damit Braunkohle abgebaut werden kann, von der noch niemand sagen kann, ob sie jemals benötigt wird. Und das eindeutige Fazit: „Hambi bleibt!“.

Was nehme ich vom Parteitag mit nach Hause (außer einem formschön vollendeten, aus fair gehandelter Bio-Baumwolle hergestellten grünen Beutel)? Das Gefühl, zu einer großen Familie zu gehören, und das ist schön! Jede Menge Infomaterial und neue Kontakte zu Parteifreund*innen. Dass es gut, richtig und wichtig ist, sich zu engagieren. Und dass ich wieder dabei sein möchte, im Januar, dann aber bitte mit etwas mehr grünem Pfeffer.

Zukunft ist, was wir draus machen! Genau so ist es.

Text: Thorsten, aktiv seit Sommer 2017